Mehr von Michael Gehring
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Vor zwei Wochen sass ich mit einem Hotelier in der Steiermark am Tisch, das Gespräch kam auf die neue österreichische Tourismusstrategie. Seine Reaktion war ehrlich: «Wieder ein Papier aus Wien. Interessiert mich nicht, ich hab genug eigene Baustellen.» Ich verstehe diese Reaktion, sie ist typisch für die Branche. Strategiepapiere aus der Politik landen oft in der Schublade, weil sie abstrakt bleiben und nie im Betrieb ankommen.
Die «Vision T» ist trotzdem anders als die Papiere davor. Zum ersten Mal legt Österreich eine Tourismusstrategie mit konkreten, messbaren Zielen bis 2035 vor. Und genau deshalb lohnt sich ein zweiter Blick, auch wenn der erste Impuls Skepsis ist. Im Podcast haben Ljubo und ich eingeordnet, was diese Strategie für einzelne Betriebe bedeutet und wo sie zu kurz greift.
Drei Ziele stechen heraus. Erstens: mehr Wertschöpfung im Tourismus, also höhere Erträge pro Gast und pro Betrieb, nicht nur mehr Ankünfte. Zweitens: mehr Ganzjahresstellen, also weniger Saisonarbeit und stabilere Beschäftigung übers ganze Jahr. Drittens: eine höhere Eigenkapitalquote in der Qualitätshotellerie, also finanziell robustere Betriebe, die nicht bei jeder Krise ins Wanken geraten.
Das sind keine Schlagworte, das sind Kennzahlen, an denen sich die Politik in den nächsten Jahren messen lassen muss. Das allein ist ein Fortschritt gegenüber früheren Strategiepapieren, die vor allem aus Absichtserklärungen bestanden.
Die grosse Frage ist natürlich: Was hat das mit meinem Haus zu tun, wenn ich morgen früh aufstehe und den Frühstücksdienst plane?
Bei der Ganzjahresstelle liegt die Antwort auf der Hand. Wer heute noch mit reiner Saisonlogik arbeitet, drei Monate Vollgas und dann Betriebsferien, wird es zunehmend schwer haben, gutes Personal zu halten. Die jüngere Generation an Fachkräften sucht Planbarkeit, nicht nur Trinkgeld in der Hochsaison. Betriebe, die frühzeitig auf ein Ganzjahresmodell umstellen, sei es durch Zusatzangebote, Kooperationen oder eine bewusste Öffnung in die Nebensaison, werden hier einen echten Vorteil haben.
Bei der Eigenkapitalquote wird es unbequemer. Viele Betriebe in der DACH-Region sind historisch stark fremdfinanziert, oft über Generationen gewachsen mit hohen Kreditlasten. Eine Strategie, die auf mehr Eigenkapital drängt, trifft genau den wunden Punkt vieler Familienbetriebe. Das betrifft auch die Nachfolgefrage: Wer übernimmt einen Betrieb mit dünner Kapitaldecke, und wie stellt man ihn krisenfester auf, bevor die Übergabe ansteht?
Bei der Wertschöpfung schliesslich geht es um Positionierung. Mehr Ertrag pro Gast heisst nicht automatisch höhere Preise, es heisst vor allem: ein klareres Angebot, das seinen Preis auch wert ist. Betriebe, die austauschbar sind, werden in diesem Zielbild verlieren. Betriebe mit einem klaren Profil gewinnen.
So begrüssenswert die Ziele sind, so klar ist auch die Grenze: Eine Strategie aus Wien setzt Rahmen, sie führt aber keinen Betrieb. Die Vision T sagt, wohin die Reise gehen soll. Sie sagt nicht, wie ein einzelnes Haus in Kärnten oder in der Oststeiermark dorthin kommt.
Genau da liegt die Gefahr. Solche Strategien wirken oft nur so lange verbindlich, wie die Presseerklärung frisch ist. Danach fehlt die Übersetzung in die Praxis, fehlt die Begleitung der einzelnen Betriebe bei der Umsetzung. Wer als Eigentümer oder Geschäftsführer auf die Politik wartet, bis sich etwas ändert, wird enttäuscht werden. Die Zielmarken von 2035 helfen niemandem, der heute eine Investitionsentscheidung treffen muss.
Ich habe in 40 Jahren Hotellerie mehrere solcher Strategiepapiere kommen und wieder verschwinden sehen. Manche mit guten Ideen, die meisten mit hohem Anspruch. Was am Ende gezählt hat, war nie das Papier selbst, sondern die Betriebe, die aus eigenem Antrieb schon vorher in die richtige Richtung gegangen sind. Die Vision T wird daran nichts ändern. Sie kann höchstens den Rückenwind liefern für Betriebe, die den Weg ohnehin schon eingeschlagen haben.
Ich rate meinen Mandanten immer, politische Strategien wie diese als Signal zu lesen, nicht als Anleitung. Das Signal lautet: Die Branche bewegt sich Richtung Ganzjahresbetrieb, Richtung finanzieller Stabilität, Richtung klarer Positionierung. Wer diese drei Richtungen schon heute in die eigene Betriebsplanung aufnimmt, liegt vor der Kurve, unabhängig davon, ob die Politik ihre eigenen Ziele bis 2035 tatsächlich erreicht.
Konkret heisst das für die nächsten Monate: die eigene Saisonstruktur ehrlich prüfen, die Eigenkapitalsituation gemeinsam mit Steuerberater oder Bank durchrechnen, und das eigene Angebot einmal von aussen betrachten, so wie es ein Gast sieht, nicht so, wie man es selbst seit Jahren gewohnt ist.
Die Vision T wird diesen Betrieben nicht helfen. Aber genau diese Betriebe sind es, die 2035 zeigen werden, dass die Ziele der Strategie erreichbar waren, ganz gleich, was Wien in der Zwischenzeit dazu beigetragen hat.
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Eine Tourismusstrategie aus Wien liest sich schnell. Sie in Ihrem Betrieb umzusetzen, ist die eigentliche Arbeit. In einem Erstgespräch schauen wir, wo Ihr Haus heute steht und was der nächste sinnvolle Schritt ist.
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