
Ein Hotelier aus dem Allgäu hat mir das vor einigen Wochen erzählt. Vier Sterne, frisch renovierte Zimmer, ein Frühstück, das Gäste wirklich loben. Und trotzdem: eine 7,6 auf Booking.com, weil jemand das Bad zu eng fand und jemand anderes das WLAN zu langsam.
Er fragte mich, was er falsch mache. Ich habe ihm gesagt: Wahrscheinlich gar nichts. Das Problem sitzt woanders.
22.000 klassifizierte Hotels in Europa. Ein neuer Kriterienkatalog, der von 2025 bis 2030 gilt. Und gleichzeitig: Mehr als 70 Prozent der Gäste treffen ihre Buchungsentscheidung primär auf Basis von Online-Bewertungen, nicht auf Basis von Sternen. Das ist kein kleines Missverhältnis. Das ist ein grundlegendes Problem, das die Branche seit Jahren vor sich herschiebt.
Ljubo Vuljaj und ich haben das in unserer neuesten Podcastfolge ausführlich diskutiert. 26 Minuten, mit Zahlen, Praxisbeispielen und einem klaren Standpunkt. Wer lieber liest, findet die wichtigsten Gedanken hier.
Die Idee war gut. Einheitliche Standards, vergleichbare Qualität, Orientierung für den Gast. Wer aus den USA nach Wien reist und weiss, was ein Vier-Sterne-Hotel in Europa bedeutet, kann sicherer buchen. Kein langes Überlegen, kein Risiko.
Für viele Jahre hat das funktioniert. Die Klassifizierung war Vertrauensbeweis und Orientierungshilfe zugleich. Reisebüros haben danach sortiert, Firmenkunden haben ihre Reiserichtlinien darauf aufgebaut, Veranstaltungsplaner haben Tagungs- und Seminarhotels nach Sternekategorie ausgewählt.
Und das stimmt teilweise noch immer. Im B2B-Bereich sind Sterne weiterhin relevant. Konzerntöchter und Grossunternehmen haben klare Reiserichtlinien, die Kategorien vorschreiben. Im Tagungsgeschäft spielen Sterne bei der Vorauswahl eine Rolle. Wer als Geschäftsreisender in eine unbekannte Stadt kommt, schaut zuerst auf die Kategorie.
Aber das ist ein immer kleinerer Teil des gesamten Buchungsmarktes.
Beim Freizeitreisenden ist die Welt eine andere. Auf Booking.com, Google Maps und TripAdvisor entscheidet die aktuelle Durchschnittsbewertung. Nicht das Schild an der Fassade.
Das ist keine Meinung. Das ist Marktverhalten, das sich in den letzten zehn Jahren klar belegen lässt. Die grossen Buchungsplattformen haben die Informationshoheit übernommen. Ein Gast, der zwischen zwei Vier-Sterne-Hotels wählt, nimmt jenes mit der besseren Bewertung. Nicht jenes, das im Kriterienkatalog mehr Punkte hat.
Noch problematischer ist das, was Klassifizierungssysteme messen können. Quadratmeter. Ausstattungsmerkmale. Öffnungszeiten. Anzahl der Kissen. Das alles ist messbar und deshalb Teil des Katalogs.
Was Gäste heute wirklich wollen, ist schwerer in Kriterien zu fassen. Atmosphäre. Das echte Lächeln an der Rezeption. Die schnelle Reaktion auf eine Beschwerde. Das Gefühl, willkommen zu sein und nicht abgefertigt zu werden. Ein Frühstück, das nach etwas schmeckt, und kein aufgewärmtes Buffet aus der Grossküche.
Ein Haus, das im Kriterienkatalog auf voller Linie punktet, kann trotzdem schlechte Bewertungen haben. Und ein Drei-Sterne-Haus mit echter Gastfreundschaft, einem familiären Team und einem wirklich guten Koch kann eine 9,2 auf Booking.com haben und damit deutlich mehr Buchungen als der Vier-Sterne-Nachbar.
Ich erlebe das in meiner täglichen Arbeit als Hotel Mentor immer wieder. Die Diskrepanz zwischen Klassifizierung und Marktwahrnehmung ist real. Und sie wächst.
Der Kriterienkatalog 2025 bis 2030 bringt Anpassungen. Nachhaltigkeit spielt eine grössere Rolle, digitale Services werden stärker gewichtet, barrierefreier Zugang bekommt mehr Punkte. Das ist gut und richtig.
Aber es löst das eigentliche Problem nicht. Die Grundlogik bleibt dieselbe: Geprüft wird, was vorhanden ist. Nicht, wie es erlebt wird. Ein Hotel kann alle Nachhaltigkeitskriterien erfüllen und trotzdem ein schlechtes Gästeerlebnis liefern. Ein Hotel kann barrierefrei zugänglich sein und trotzdem eine unfreundliche Atmosphäre haben.
Klassifizierungen messen Input. Gäste bewerten Output. Das ist der Graben, den kein Kriterienkatalog der Welt schliessen kann.
Ich sage meinen Klienten: Die Sternklassifizierung ist kein Qualitätsbeweis. Sie ist ein Mindeststandard. Ein Eintritt in bestimmte Marktsegmente. Nicht mehr und nicht weniger.
Was konkret zu tun ist, hängt vom eigenen Haus ab. Aber ein paar Grundsätze gelten überall.
Bewertungen aktiv managen. Das bedeutet: auf jede Bewertung antworten, nicht nur auf die negativen. Potenzielle Gäste lesen nicht nur die Bewertungen, sie lesen auch die Antworten. Wer dort professionell, persönlich und ohne Standardfloskeln antwortet, gewinnt Vertrauen, auch bevor der Gast bucht.
Die eigenen Stärken kennen und gezielt kommunizieren. Ein Drei-Sterne-Haus, das für sein hausgemachtes Frühstück und seine familiäre Atmosphäre bekannt ist, hat einen klareren Wettbewerbsvorteil als ein Vier-Sterne-Haus, das solide Qualität in allen Bereichen bietet, aber nichts Besonderes. Profillosigkeit ist teuer. Beim Preis und bei der Auslastung.
Den Kriterienkatalog als Checkliste nutzen, nicht als Ziel. Was der Katalog verlangt, ist das Minimum. Wer nur Mindestanforderungen erfüllt, erfüllt die Erwartungen seiner Gäste noch lange nicht.
Und schliesslich: Die Klassifizierung entscheidet selten allein. Was am Ende den Ausschlag gibt, ist die Summe aus Preis-Leistung, Bewertungen, Fotos, Website-Qualität und dem ersten Eindruck beim Anruf oder im Chat. Wer nur auf Sterne setzt, hat einen Teil des Spiels nicht verstanden.
Die Klassifizierung ist nicht tot. Aber sie ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Für manche Marktsegmente ist sie unverzichtbar, für andere kaum noch relevant.
Was bleibt, ist die Frage, wie Hoteliers ihr Haus wirklich positionieren. Die Antwort liegt nicht im Kriterienkatalog. Sie liegt im Betrieb. In der Unternehmenskultur. In der Qualität des Teams. In der ehrlichen Auseinandersetzung damit, was Gäste wirklich wollen und was ein Haus wirklich gut kann.
Sterne sichern, weil sie in manchen Märkten nötig sind. Aber nicht darauf verlassen. Die echte Reputation entsteht jeden Tag, an der Rezeption, im Frühstücksraum, im Umgang mit Beschwerden. Nicht im Klassifizierungsgespräch.
Episode anhören
Michael Gehring begleitet Hotelbetriebe als externer Sparringspartner, operativ, strategisch, auf Augenhöhe.
Kostenloses Erstgespräch buchen