Blog  /  Wein & Technologie
Zum Podcast · «KI im Weinbau», mit Ljubo Vuljaj
Wein & Technologie

KI im Weinbau:
Von der Rebe
bis ins Glas, was
heute schon geht.

Michael Gehring
Michael Gehring1. September 2026 · 5 Min. Lesezeit
Michael Gehring

Wenn Ljubo über Wein spricht, spürt man das Handwerk in jedem Satz. Umso spannender war es, ihn in dieser Episode einmal quer durch die künstliche Intelligenz zu führen, von der Rebe bis ins Glas. Sein Urteil an jeder Station, mein Einwurf aus der betriebswirtschaftlichen Sicht. Am Ende stand ein Satz, auf den wir uns beide einigen konnten: KI bedroht das Handwerk nicht. Sie macht sichtbar, was der Winzer bisher raten musste.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die Diskussion oft an den Extremen hängt. Die einen sehen den seelenlosen Roboterwein, die anderen die Rettung der ganzen Branche. Beides führt in die Irre. Die Wahrheit liegt Station für Station im Detail, und die Zahlen helfen, sie einzuordnen.

Der Markt zieht an

Der Markt für KI in der Landwirtschaft wächst von rund 1,7 Milliarden Dollar 2023 auf etwa 4,7 Milliarden 2028, ein Plus von rund 22 Prozent pro Jahr. Im deutschen Weinbau arbeiten heute rund 18 Prozent der Betriebe digital, vor fünf Jahren waren es unter 5 Prozent. Gleichzeitig ist die Zahl der Vollzeitstellen im deutschen Weinbau seit 2015 um rund 12 Prozent gesunken. Automatisierung ist damit keine Luxus-Entscheidung mehr, sondern für viele Betriebe eine Antwort auf fehlende Hände.

Wo KI heute schon Alltag ist

Der stärkste Nutzen liegt beim Pflanzenschutz. Bilderkennung erkennt Pilzkrankheiten wie Peronospora oder Oidium mit über 92 Prozent Genauigkeit im Frühstadium, früher als jedes Auge. Drohnen finden Befallsnester, gespritzt wird punktgenau statt flächendeckend. Im Pilotprojekt der Hochschule Geisenheim führte das 2024 zu 30 Prozent weniger Pflanzenschutz. Das ist ein echter ökologischer Gewinn und kein Marketingversprechen.

Auch bei der Bewässerung ist KI angekommen. Bodensensoren steuern die Wassergabe genau dann, wenn die Rebe sie braucht. In den trockenen Jahren der letzten Zeit ist das für manchen Betrieb eine Überlebensstrategie geworden. Und bei der Reife liefern Ertragsprognosen eine Genauigkeit von über 90 Prozent, der optimale Lesezeitpunkt lässt sich auf 48 Stunden genau bestimmen.

Wo es kritisch wird

Genau an dieser Stelle setzt Ljubos Einwand an, und ich teile ihn. Das Modell sagt: jetzt lesen. Der Bauch sagt: warten. Wer gewinnt? Ähnlich im Keller, wo die Echtzeitüberwachung von Hefe, Zucker und Temperatur zuverlässig läuft. Die Gefahr ist nicht der Fehler, sondern die Gleichförmigkeit. Wenn alle demselben System folgen, schmeckt am Ende vieles gleich. Und beim Qualitätsurteil, wo grosse Häuser das Reifepotenzial aus tausenden Jahrgängen prognostizieren, steht die heikelste Frage der Folge im Raum: Verliert der Wein seine Seele?

Was ein Betrieb heute konkret tun kann:
1. Pflanzenschutz gezielt reduzieren. Bilderkennung und Drohnen senken den Mitteleinsatz messbar, der Geisenheim-Wert von minus 30 Prozent ist die Messlatte.
2. Den Lesezeitpunkt datenbasiert stützen, aber die Entscheidung beim Menschen lassen. Die Prognose berät, der Winzer entscheidet.
3. Die Grössenfrage ehrlich rechnen. Unter 5 Hektar rechnet sich KI nur über Kooperation, ab etwa 15 Hektar amortisiert sie sich in drei bis fünf Jahren.

Was das für Betriebe bedeutet

In Österreich hat die Forschungsförderungsgesellschaft zwischen 2022 und 2024 über 14 Millionen Euro in digitale Landwirtschaft investiert, mit Weinbauprojekten in der Steiermark und im Burgenland. Die Technologie ist also nicht nur in den grossen Châteaux angekommen, sie steht auch mittelgrossen Betrieben offen, oft im Verbund.

Mein Rat bleibt derselbe wie bei jeder Technologie: nicht jedes Tool beherrschen wollen, sondern wissen, wo es echte Entlastung bringt. Beim Pflanzenschutz ist der Fall heute klar. Bei Reife und Verschnitt ist es eine Frage der Haltung, wie viel Entscheidung man abgeben will. Diese Haltung kann kein Modell übernehmen, und das ist gut so.

«KI bedroht das Handwerk nicht. Sie macht sichtbar, was der Winzer bisher raten musste.»

Der Blick ins Glas

Am Ende zählt, was im Glas ankommt, und das entscheidet weiterhin der Mensch. KI kann die Rebe gesünder halten, den Wassereinsatz senken und den Lesezeitpunkt schärfen. Sie kann dem Winzer Arbeit abnehmen, die ihn ohnehin nur vom Wesentlichen abhält. Was sie nicht kann, ist die Entscheidung, wann ein Wein fertig ist. Diese Grenze ist keine technische, sie ist eine kulturelle. Und sie zu kennen, ist die eigentliche Kompetenz.

Episode anhören

Beratung · Hotel Success

Technologie mit
Augenmass.

Ob Weingut, Hotel oder Restaurant, die Frage ist selten ob, sondern wo Technologie echte Entlastung bringt. In einem Erstgespräch schauen wir, welcher digitale Schritt in Ihrem Betrieb den grössten Unterschied macht.

Gespräch buchen →

office@hotelsuccess.cc · www.hotelsuccess.cc